6. September 2017

Moralisch in nullkommanix dekonstruiert

Pro & Contra – »The Party«
Moralisch in nullkommanix dekonstruiert

Gelingt Sally Potter eine wohltemperierte Komödie oder scheitert sie mit einer Farce? Zwei verschiedene Meinungen zu einem im Programmkino sehr erfolgreichen Film. 


Pro


Sally Potter hat ihren neuen Film in nur zwölf Tagen in konsequentem Schwarz-Weiß abgedreht, die exzellente Schauspiel-Riege war durchgehend komplett vor Ort, heißt es, und das Ergebnis ist umwerfend.


Die Politikerin Janet (Kristin Scott Thomas) hat ein paar enge Freunde geladen, ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin eines Schattenkabinetts zu feiern. Dass Janets Mann Bill (Timothy Spall) bereits zu Beginn der Party, mit zwei Weingläsern schwer bewaffnet, kaum noch aus seinem Sessel hochkommt, verheißt nichts gutes. Die Kamera zeigt ihn ungeniert aus leichter Untersicht, seine Nasenlöcher wirken riesig und paralysierend, schwarze Löcher, in die alsbald die wohltemperierte Atmosphäre hineinfällt. Diese geblähten Nüstern verraten das Maß der Verzweiflung, jedoch nicht den schwarzen Humor der folgenden 71 Minuten, den genussvollen Parforceritt in die steilen Höhen der Eskalation. Nach den mehr oder minder aufrichtigen Gratulationen will Janet in ihrem trauten Heim selbstgebackene Pastetchen servieren, schließlich ist sie nicht abgehoben, sondern volksnah. Das Mahl aber verbrennt über den Selbstdarstellungen der anderen, und einer Mitteilung des Gatten, die den Focus ein für alle Mal von seiner Frau zieht. Jetzt steht er im Mittelpunkt, koste es, was es wolle. 



Die Tünche der Kultiviertheit erweist sich in der Folge als extrem dünn. Wenn Janet Bill verdientermaßen fast den Kopf abreißt, weil er ihr den Abend erst mit seiner Krebsdiagnose versaut und dann mit einem Seitensprung vollends torpediert, vergisst sie dabei leider ihre eigenen Affären. Freundin April (die geniale Patricia Clarkson), rät ihr, trotz der exponierten beruflichen Situation, einen Mord in Betracht zu ziehen, weil sie selbst fast platzt vor Hass auf ihren in Hanfweste gewandeten Lebensgefährten Gottfried (Bruno Ganz). Dieser, ein Gemütsmensch, komfortabel ausgestattet mit als Friedfertigkeit getarnter Ignoranz, ergeht sich in Euphemismen. „Das ist keine sehr gute Situation“, konstatiert er, als Bill von Banker Tom aus gutem Grund so konsequent zu Boden geschickt wird, dass man eine Leiche befürchten muss.

Tom (Cillian Murphy), ein wandelndes Klischee in Prada, das Kokstütchen in der einen, die Waffe in der anderen Tasche wirkt nicht nur wegen seiner Jugendlichkeit wie das Lämmchen unter Wölfen. Wenn sich die Alten abgebrüht bekoffern, weil ihre letzten Illusionen schon vor Jahrzehnten den Bach runtergegangen sind, wirkt seine echte Verzweiflung, sein Beharren auf der Erhaltung von Familienidyll beinahe liebenswert. Und weil die ältere Generation sich moralisch in nullkommanix dekonstruiert, gibt es eine kurze, wenn auch haltlose Verbrüderung von Tom und Jinny (Emily Mortimer). Die Schwangere, vom nahe bevorstehenden Drillingssegen aus der Retorte überfordert, und von ihrer älteren Freundin Martha (Cherry Jones) ziemlich allein gelassen, findet nur in dem zugekoksten Banker jemanden, der ihr für ein paar Sekunden wirklich zuhört.


Die fast schockierende Kürze von »The Party«, seine perfekte Schlusspointe, die zugleich die Vorführung des Endes verweigert, steigern nochmals die Schärfe des Films. Sally Potter macht der linksliberalen Upper Class Feuer unter dem Nobelgesäß. Dass Menschen, die keine Existenzsorgen kennen, ihre marginalen Probleme nicht gelöst bekommen und sich in haltlosem Geschwafel verlieren, das in Gewalt mündet, ist eine elegante Art, Sozialneid zu beseitigen. Wer möchte mit diesen Pappnasen tauschen?


Grit Dora


Contra


Warten auf Marianne oder eine unangemeldete Parteiveranstaltung
Ein aufmüpfig lustiger Film von Sally Potter, gerade mal 71 Minuten lang, von der Presse hochgelobt und in Schwarz-Weiß. Das klingt verlockend und der Kinobesuch wird freudig angetreten. Leider verfliegt die Freude am Film nach einem coolen Einstieg - Timothy legt eine alte Bluesplatte auf - mit stimmiger Optik und im Nachhinein frage ich mich, sind alle so verzückt, dass sie kritisches Hinterfragen vergessen oder was ist hier eigentlich passiert.


Klar es ist ein kleiner, mit wenig Mittel entstandener ambitionierter Film, in keiner Weise vergleichbar mit gut budgetierten Produktionen mit kleineren oder größeren Effekten und großen Handlungsbögen. Sally Potter macht das Beste aus den Umständen, ihr Kameramann setzt die Intentionen aufs Wesentliche reduziert um. Die Schauspieler spielen ihr Rollen blendend und mit sehr viel Spaß, die Ausstattung ist sehr minimalistisch aber doch passend. Was fehlte mir also? Zum einen - Tiefe, zum anderen - Glaubwürdigkeit.


Die Geschichte der kleinen Feier der frisch gebackenen Gesundheitsministerin im engsten Freundeskreis wird recht oberflächlich erzählt. Klar es gibt verbale Seitenhiebe auf frustrierte Linksliberale, den Tod des britischen Gesundheitswesen und den Abschied auf überdrehte Feminismuskonzepte. Aber das wirkt recht fern vom realen Leben, da die Figuren am Rande der Karikatur angelegt sind. Somit bleibt es inhaltlich „nett“ aber furchtbar oberflächlich, der Erkenntnisgewinn gering und auch die Lacher im Publikum erscheinen eher verhalten, auf die vorgesehenen Gags abgestimmt.


Der eigentlich reizvolle und spannungsreiche Ansatz mit dem Fremdkörper Banker in dieser Runde wird leider auch verschenkt. Cillian Murphy spielt Tom, der ein erfolgreicher Kapitalist sein soll, so stark überdreht, dass ein armes Nervenbündel entsteht (vermutlich ist er eher auf Chrystal als standesgemäß durch Koks verstärkt). So geht der Figur leider von vornherein jegliche Würde ab und kann nicht ernst genommen werden und ihr bleibt lediglich die Funktion als Dreh, für den Fortgang der Geschichte und als Waffenzuträger.


Ebenso Timothy Spall - er gibt einen großartigen Bill, den seine Frau so liebevoll unterstützenden Gatten, seine Beichte über die tödliche Krankheit gerät aber eher zur Farce. Um noch einen drauf zusetzen, darf Tom kurz danach offenbaren. Der Zuschauer erfährt erstaunt, dass alles noch viel krasser ist. Von fehlenden Werten ganz zu schweigen, wirkt damit nicht nur das Setting doch etwas sehr altmodisch.


Beide Offenbarungen sind stark überzogen und damit unrealistisch. Den Dreh, gern auch Twist genannt, als grundlegendes dramaturgisches Mittel, um die Geschichte schnell zu verändern und immer wieder neue, ausweglose Situationen zu schaffen, setzt Sally Potter konsequent ein und treibt die Geschichte zweimal effektiv voran. Doch leider verliert sie dabei eben jene Glaubwürdigkeit und aus der Tragödie wird eine Farce.


Mersaw

http://www.theparty-derfilm.de