30. Dezember 2014

Epochales Kinojahr 2014

Ist eigentlich jedem klar, dass man im Kino manchmal Epochales erlebt?
Epochales Kinojahr 2014
Ist eigentlich jedem klar, dass man im Kino manchmal Epochales erlebt? Mir kam der Gedanke wieder, als ich nach »Nymph()maniac« am Tresen des Thalias stand: Wie schön ist es, dass immer weiter Filme gemacht werden, die auch in Jahren noch etwas in uns auslösen werden, und was für ein Glück, dass es Leute gibt wie Lars von Trier, die noch eine Weile weitermachen werden, einem Wahnsinniges um die Ohren zu hauen! Viel zu selten, leider, werden noch alte Sachen im Kino gezeigt. Man hat sich daran gewöhnt, die Filmgeschichte vor dem Fernseher aufzuarbeiten, und so fällt es schwer, sich vorzustellen, dass etwa Filme von Rainer Werner Fassbinder tatsächlich einmal frisch und für volle Säle auf Leinwände projiziert wurden. Was für ein Genuss deshalb, diesen Kerl doch noch einmal so jung und tatsächlich so neu bei der Erstaufführung des vierundvierzigjährigen »Baal« erleben zu dürfen.

Und dann kam das Großereignis dieses Jahres, der Jahrhundertfilm, das niemals-wieder-erreichbare Wunderwerk von Richard Linklater! Ich war dabei, werde ich später meinen Kindern erzählen, habe die erste und die letzte Vorstellung von »Boyhood« in Dresden gesehen. Bin nach der Pressevorführung in der Mittagssonne mit dem Fahrrad an der Elbe langgefahren, den Kopf geöffnet, und darin die Frage: Hab ich jemals etwas so Richtiges und Schönes gesehen? Stand danach immer wieder heimlich hinterm Vorführfenster mit Gänsehaut und Tränen in den Augen; und saß auch nach der letzten Vorstellung wieder sprachlos mit einem Bier am Tresen neben all den anderen, die ebenso wenig fassen konnten, was sie da gerade gesehen hatten. So etwas erlebt man nicht sehr oft im Leben.

Ferner liefen noch erstaunlich viele andere starke Filme, »Nebraska« z. B. (Foto), Alexander Paynes zärtliches Denkmal für Bruce Dern, oder »Inside Llewyn Davis«, in dem die Coens wieder einmal ihre Zuverlässigkeit demonstrierten. Unglaublich ergreifend war Wim Wenders’ »Das Salz der Erde« und auf eine gewisse Weise auch »Citizenfour«, in dem man quasi live mitkriegt, wie Edward Snowden seine Geschichte zum ersten Mal erzählt - auf einem Tokioter Hotelzimmerbett. »Mommy« war irre, »All Is Lost« ein Höhepunkt, »August: Osage County« ein Erlebnis und Kelly Reichardts »Night Moves« einfach nur famos.

Nach dieser nicht sehr überraschenden Aufzählung ohnehin genug gerühmter internationaler Hits sollte abschließend besonders hochgehalten werden, dass es in Deutschland auch hin und wieder Mal die Kleinen in die Kinos schaffen. Leute, die sich bewusst nicht um Fördermittel bemühen und ihre Sachen einfach machen. »Love Steaks« von Jakob Lass war so etwas, und auf jeden Fall »Umsonst« von Stephan Geene. In der Mitte darin der Song von Mutter „Die Erde wird der schönste Platz im All“: In voller Länge zu einer endlosen Kamerafahrt durch den Görlitzer Park - so was Wunderschönes muss man sich erstmal trauen zu machen!
Felix