2. März 2010

Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte

„Es ist ein Haneke-Film, der Rest ist mir egal.“ Überheblichkeit? Desinteresse? Oder doch einfach nur die Aufforderung an den Zuschauer, sich selbst einen Reim auf sein streitbares Werk zu machen?
Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte
Michael Haneke zählt nicht erst seit seinen radikalen Werken »Funny Games« (1997/2007), »Die Klavierspielerin« (2001) oder »Caché« (2005) zu den aufregendsten, unberechenbarsten und polarisierendsten Filmemachern unserer Zeit, wie ein Streitgespräch in der Kinokalenderredaktion zu »Das weiße Band« zeigt:

Pro:
Ein verschlafenes Dorf irgendwo im protestantischen Norden Deutschlands am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Ein Arzt stürzt vom Pferd, nicht zufällig, wie sich bald schon herausstellt. Ein Seil, zwischen zwei Bäume gespannt, brachte ihn zu Fall, der Täter jedoch bleibt zunächst im Verborgenen. Doch ist dies nur einer von vielen Unfällen, die hier fortan geschehen.

Wer nun eine simple „Wer-war es?“-Hatz erwartet, unterschätzt Haneke um ein Vielfaches. Denn was den gebürtigen Münchner interessiert, ist vielmehr die Spezies Mensch und dessen Verhalten, welches – wie sich sukzessive zeigt – ein von Regeln, Ordnungen und Traditionen sowie Strenge, Sittlichkeit und Gottesfurcht geprägtes ist. Innerhalb der engen Grenzen eines Dorfes entfaltet der Film somit ein gesellschaftliches Mosaik der wilhelminischen Ära, in der, unter der strengen Hand einiger Weniger, Aggression und Wut brodeln, welche sich zunehmend ihren Weg an die Oberfläche suchen.
Zugegeben, als Unterhaltungsfilm eignet sich Das weiße Band ebenso wenig wie, siehe Film, Stockschläge zur Erziehung. Doch als – im wörtlichen Sinne – farbloses Gemälde einer von Unsicherheit und latenter Bedrohung geprägten Zeit ist dieses präzise beobachtete Kammerspiel schlicht einzigartig. Csaba Lázár

Contra:
Haneke polarisiert und seziert die deutsche Gemütslandschaft am Vorabend des Ausbruches des Wahnsinns zweier Weltkriege. So wird das in Frankreich, da gab es schon die Goldene Palme, den USA - dort geht es bald um den Oscar, den dieser Film wohl erhalten wird - und der deutschen Kritik gesehen. Endlich das böse Gen der Deutschen entdeckt und analysiert. Doch ist das wirklich so?
Die alles beschreibende Überschrift lautet: "Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands. 1913/14. Vorabend des Ersten Weltkriegs." Damit ist das Sujet ganz klar eingenordet. Die Geschichte und vor allem das Ende aber verweigern eine klare oder verständliche Auflösung. Die berichteten Grausamkeiten könnten und haben sich (teils viel schlimmer) in Dörfern der Provence, in Ostanatolien oder im osteuropäischen Schtetl ereignet.

Statt Analyse brodelt geheimnisvolle Grausamkeit und Haneke verläuft sich durch seine unscharfe und ausufernde Inszenierung im Nebel der Geschichte. Statt Pointe löst sich der erzählerische Faden im heranziehenden Nebel gesellschaftlicher Katastrophen auf. Das Sujet erscheint seltsam ungenau gezeichnet und ahistorisch. Bezeichnend dafür auch die zentrale Figur des Pfarrers. Ein so hervorragender Darsteller wie Burghart Klaußner spielt seltsam stoisch und oberlehrerhaft, eher das Abziehbild eines protestantischen und/oder fundamentalistischen Eiferers. Das sah man schon viel stärker, etwa bei Buñuel und Bergmanns »Fanny und Alexander«.
Ein andere Erklärungsmuster, wofür der Lehrer am Ende Hinweise bietet, dass Kinder grausam sind, ist auch nicht neu. Eltern wissen das schon immer und im Kontext der historischen Einordnung ist das eher zweitrangig. Denn das sind Kinder weltweit und in allen Kulturen.

Keinen Zweifel, Haneke liefert einen herausragenden Film in großartigen schwarz-weiß Bildern, der in der "guten alten Zeit" schwelgt. Der Film hat großartiger Schauspieler und Kameraführung, ist Sittengemälde, Kriminalgeschichte, Sozialkritik, und Haneke überrascht durch eine strenge aber durchaus augenzwinkernde und dank Off-erzähler unterhaltsame Erzählstruktur, die sich selbst komischen Momenten nicht verweigert. Das alles zieht den Zuschauer durchaus in den Bann seiner immerhin 144 Minuten. Aber die Klarheit früherer Filme, die vom plötzlich ausbrechenden Bösen und den Abgründen des Menschen so großartig erzählen, etwa »Benny’s Video« und »Die Klavierspielerin«, vermisst man. Entstanden ist eine Art "Struwwelpeter" fürs internationale Kinopublikum, vielleicht pädagogisch wertvoll, aber eben historisch unkorrekt. Mersaw

http://www.dasweisseband.x-verleih.de